Tod des Sokrates


"Der Tod des Sokrates" by Gültekin Cakmak © 2013

Auf der letzten Stufe der Propyläen und fast ohnmächtig hat sich die Hoffnung und Freude für einen kurzen Moment eingefunden. In den schattigen Vorhallen und hoch über der Stadt kann man sich dem gesamten Stadtbild annehmen und für einen Nachmittag oder Abend genießen. Doch diesmal muss sich Protagoras dem Schicksal beugen, als eine Klasse der Platonischen Akademie mit lauten Wehklagen die Stufen hinunter stürzt und die Neuigkeit zuteilt, dass in den „Schwebenden Blättern“ (Eine Zeitung der Athener Lokalpresse) eine Botschaft über den baldigen Tod des Sokrates verkündet wird.

Von der weiten Aussicht beglückt und von der traurigen Neuigkeit zutiefst bestürzt, findet sich dieser in einem Wechselbad der Gefühle und nimmt nichts ahnend, die auf den höchsten Stufen liegende Zeitung in die Hände und sucht die genauen Umstände des traurigen Schicksals zu finden. Auf der ersten Deckseite und mit großen Buchstaben steht die Überschrift:

„Sokrates hat sich für den Tod entschieden.“

„Seid heute hat sich die hellenische Hauptstadt durch eine fürchterliche Begebenheit, in den Zustand wildester Erregung versetzt. Für die Journalisten ist es nun eine Pflicht, den anstehenden Tod des stadtbekannten Philosophen Sokrates mit tiefer Trauer zu verkünden. Der als guter Freund und Helfer bekannte Philosoph, hat sich in diesem Sommer für den Abschied und den vorzeitigen Tod entschieden. Der Auslöser dieser Angelegenheit ist der Komödiendichter Aristophanes, der mit dem öffentlich inszenierten Theaterstück „Die Wolken“ auf höchst bedenkliche Weise, für ein negatives Ansehen des anständigen Philosophen Sokrates ausstreuen und der göttlichen Kunst der Philosophie den Beigeschmack der Sophisterei hinzufügen konnte.

Anytos der Wortführer der Handwerker, Lykon der Vorsteher der Redner und Meleteos der Dichter, sind ebenfalls der Klage nachgegangen und haben sich anschließend an das oberste Gerichtshof gewendet und eine Klage eingereicht, indem sie den Philosophen beschuldigen, dass er himmlische und unterirdische Dinge entdecke, die Jugend vorsätzlich verführe und verderbe, mit sophistischen Reden Unrecht zu Recht mache und die Götter welche unser Staat annehme, nicht annehme und stattdessen, eigene Daimonische Götter einführe.

Von der scheußlichsten Nachrede angewidert hat sich der ehrenwerte Philosoph Sokrates entschlossen, den Lügengeschichten ein Ende zu setzen und aus freiem Willen sich der Anklage zu stellen, obgleich es keine allgemeine Pflicht ist, sich einer amüsanten oder scherzhaften Anklage zu stellen. Im Städtischen Gerichtssaal ist aufgrund dessen eine theatralische Szene entstanden, in der der Philosoph sich selbst übertroffen und mit einer bedeutenden Selbstverteidigung sämtliche Zugeständnisse seitens der Richter einnehmen konnte. Zuletzt hat der Philosoph, gleich einem Edelmann, standhaft die Klage entkräftet und Details ausgeteilt, die die Juristen und anwesenden Richter in Staunen versetzt haben.

Als Schlusssatz, so lassen es die anwesenden Augenzeugen mitteilen, hat sich Sokrates als schuldlos bekannt und jene Richterstühle, die ihn bei Zeiten töten möchten, als ungerecht und der Wahrheit nicht würdig bezeichnet, sodass die anwesenden Richter, schon eines Tages die schicksalhafte Strafe zugeteilt ist. Infolge der bedeutenden und Angst einflößenden Sätze sind diese aufgestanden und haben die Stimmen, die für die Begnadigung des Philosophen nötig sind, zurück nehmen müssen und sich für ein Schuldspruch des Philosophen entschieden. Inzwischen hat man mit Hilfe des Scherbengerichts entschieden, dass der Philosoph mit dem giftigen Schierlingsbecher den Tod finden muss, sodass dieser für die Zukunft des Hellenischen Staates, keine große Gefahr sei. Die Todesstrafe ist auf die Zeit des baldigst zurückkehrenden Überseeschiffes aus Delos angesetzt und dienlich angepasst, da dieser mit zwei Tagen Verspätung im Stadthafen von Athen anlegen könnte.

Am heutigen Nachmittag und laut den neuesten Zeugenaussagen sind neue Details eingegangen: Der stadtbekannte Philosoph sei bei selbstgerechter Verfassung im Stadtgefängnis zugegen und führe mit heiterer und glücklicher Besinnung ausgedehnte und bedeutende philosophische Disputationen über das Leben im Diesseits und Jenseits aus. Bis zu dieser Stunde konnten die anwesenden Bekannten des Philosopen, Sibmmias aus Theben, Kebes und Krition, den alten Sokrates nicht überzeugen, sich für die zügige Flucht aus der Stadt zu entscheiden, denn die sehr hohe Kautionssumme ist schon beisammen und mache den Ausgang aus dem Athener Gefängnis möglich. Stattdessen heißt es, hat der Philosoph die Auffassung, dass er mit seinen siebenzig Jahren dem Tode näher sei, als dem schicksalhaften Leben, das er hinter sich habe.

Die anwesenden Augenzeugen behaupten zudem, dass er inzwischen den Hades nicht fürchte und auf das innigste mit dem Tod verbunden sei, da der Tod ein Umzug oder Versetzen der Seele von hinnen an einen andren Ort sei und es sei bloß das Einschlafen ohne Empfinden, in dem der Schlafende, nicht mal träumen würde. Der Tod, so heißt es in den Disputationen des Philosophen, sei der süße Hauptgewinn und Trostspender für eine ewig dauernde Glückseligkeit.

Zuletzt können wir dem Anteil nehmenden Leser mitteilen, dass in diesem Moment zahllose Freunde des Philosophen sich am Eingang des Stadtgefängnisses befinden, die sich der traurigen und doch glücklichen Begebenheit nicht entziehen können und den Philosophen Sokrates als den größten Hellenischen Philosophen ausrufen und mit lauten Sprechgesängen das Glück und Wohl des Athener Staates verkünden, solange dieser am Leben bleibe.

Die geistigen Führer des Hellenischen Staates sind sich indessen einig, dass das baldige Ableben des Philosophen, eine neue Zeit, die Zeit der Sokratiker einleiten könnte. Eine Zeit, in der neue Geistes und Naturwissenschaften aufblühen und die sagenhaften Herrscher des Himmels und Hades ablösen und von den Fesseln des Aberglaubens befreien.

„Es lebe die Philosophie, es lebe die Naturwissenschaft!“ … so sagt man und singt man in den Sprechgesängen.

So neigt sich der Tag dem Ende, die Abendsonne steht im Horizont und mit einem schweifenden Blick auf die traurigen Dächer von Athen empfindet Protagoras ein losgelöstes Gefühl, eine Mischung aus Glück und Trauer. Schliesslich muss sich Protagoras schließlich der Tatsache stellen, dass der Sokrates zu beneiden ist, denn Sokrates ist eh und je der Gegner des Sophisten Protagoras gewesen, doch seid heute ist dieser ein guter Freund, ein treuer Begleiter dem das Glück stets zugeflogen ist oder der es stets versteht dem Glück entgegen zu gehen.

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